Die unbequeme Wahrheit
Die meisten Imagefilme scheitern nicht an der Technik. Sie scheitern an ihrer Haltung.
Sauber produziert, gut ausgeleuchtet, ordentlich geschnitten. Und trotzdem komplett egal. Weil sie sich anfühlen wie alles andere auch. Gleiche Aussagen, gleiche Bilder, gleiche Dramaturgie. Man merkt ihnen an, dass sie niemandem wehtun sollen.
Das Problem ist nicht die Qualität. Das Problem ist die Austauschbarkeit.
Früher hat es gereicht, überhaupt einen Film zu haben. Heute konkurriert dein Film nicht mehr mit dem Film des Wettbewerbers aus deiner Branche. Er konkurriert mit allem, was deine Zielgruppe sonst so am Tag sieht. Und das ist emotional aufgeladen, dramaturgisch durchdacht und visuell auf einem Niveau, das vor zehn Jahren Kinobudget gebraucht hätte.
Ein Film wird nicht mehr danach bewertet, ob er informativ ist. Sondern ob er es schafft, Aufmerksamkeit zu halten.
Die eine Frage, die alles dreht
Die meisten Projekte starten am falschen Punkt. Welche Botschaften müssen rein? Welche Leistungen dürfen nicht fehlen? Welche Abteilung will auch noch vorkommen?
Das Ergebnis ist ein Film, der alles enthält und nichts auslöst.
Der Unterschied entsteht, wenn du die Frage umdrehst. Nicht mehr: Was wollen wir sagen? Sondern: Was soll beim Zuschauer ankommen?
Klingt nach einer Kleinigkeit. Ist aber der Punkt, an dem sich entscheidet, ob am Ende ein Film oder eine Präsentation mit Musik steht.
IMA Schelling: ein Maschinenbauer dreht keinen Maschinenfilm
Ein Industrieunternehmen, komplexe Anlagen, technisch geprägtes Umfeld, zehnjähriges Jubiläum nach der Fusion von IMA Klessmann und Schelling Anlagenbau. Auf diesen Maschinen werden Bauteile für Raketen gefertigt und z.B. auch die Euro-Münze. Die perfekte Vorlage für einen klassischen Industriefilm.
Genau den nicht zu machen, war die Entscheidung, die alles andere bestimmt hat. Das gemeinsame Ziel: Visionsfilm statt Imagefilm. Unsere Interpretation davon: kein Video über Maschinen, sondern ein emotionaler Film. Mit Drehbuch, Cast, Setdesign und einer Dramaturgie, die aus dem Kino kommt und nicht aus der Unternehmenskommunikation.
Der Rahmen war eng. Kick-off im Januar 2025, Delivery am 9. Mai, Premiere am 26. Mai auf der LIGNA, er Weltleitmesse für Holzbearbeitung, die 2025 ihr 50. Jubiläum feierte. Das Motto des Messeauftritts: „Keep Tradition + Embrace Future". Wenn der Film an dem Tag nicht läuft, läuft er gar nicht.
Ein Dorf, das es so nicht gab
Wenn du eine Geschichte über Generationen und Handwerk erzählst, brauchst du keine Werkshalle. Du brauchst ein Dorf.
Also haben wir eins "gebaut". Beziehungsweise: zusammengesucht. Schule, Grillhütte, Fußballplatz, Kirche – nichts davon stand fertig zur Verfügung, alles musste einzeln angefragt, genehmigt und terminiert werden. Wir haben mit einem Bürgermeister über eine Drehgenehmigung für die Grillhütte verhandelt, mit dem Vorstand eines Fußballvereins über den Platz und mit gleich drei Gemeinden über eine Kirche, weil die erste Wahl nicht geklappt hat. Dazu Hausmeister-Kontakte, Parkflächen, Strom, Toiletten, Catering im Ort.
Der Cast kam über eine Schauspielagentur, dazu Statisten aus der Region – die haben wir über einen Aufruf auf LinkedIn und Facebook gefunden. Maske, Kostüm und Setdesign liefen über eigene Gewerke.
Klingt nach Spielfilm. War es auch.
Die Zahlen hinter zweieinhalb Minuten
Vorbereitung ist unsichtbar. Aber sie entscheidet alles. Deshalb hier mal die ehrliche Rechnung hinter einem Film, der am Ende gute zwei Minuten läuft:
- 21 Personentage über alle Gewerke – von Konzeption bis Sprecheraufnahme
- 1,5 Tage Konzept, 1 Tag Textentwicklung – vor jedem einzelnen Drehtag
- 4 Drehtage im April, komplett durchgetaktet
- 9 Gewerke am Set: Regie/Kamera, Kameraassistenz, Grip, Licht, Aufnahmeleitung, Foto, Setdesign, Kostüm, Maske – plus ein eigenes BTS-Team
- 5 Tage Schnitt, 4 Tage Grading, 2 Tage Sounddesign
- 67 reine Orga-Aufgaben allein im Planungsstrang unseres Projektboards
Dazu kam die Auslieferung, und die war kein Nebenschauplatz: Hauptfilm auf Deutsch und Englisch, jeweils in 21:9 und 1:1 für die Omnichannel-Ausspielung, ein Making-of von 60 bis 90 Sekunden in 16:9 und eine 30-Sekunden-Fassung in 9:16 für Social. Der Messe-Master lief als H.264 mit 1920 × 960 Pixeln und 50 Hz – also exakt zugeschnitten auf die Leinwand am Stand.
Der Punkt dahinter: Ein Drehtag liefert nicht einen Film. Er liefert Material für Monate. Wenn du es von Anfang an so planst.
Was konkret anders gemacht wurde
Die größte Veränderung liegt nicht im Equipment und auch nicht im Budget. Sie liegt im Denken.
Der Film wurde nicht als Sammlung von Informationen konzipiert, sondern als Erlebnis. Jede Szene hat eine Funktion innerhalb einer größeren Erzählung. Bilder stehen nicht für sich, sie bauen aufeinander auf.
Das heißt vor allem: weglassen. Nicht jede Leistung, nicht jedes Detail, nicht jede Botschaft findet Platz. Der Sprechertext wurde bewusst dünn gehalten. Ein warmer, ruhiger Sprecher in mittlerer Tonlage, der uns seine Lebensgeschichte erzählt – kein Werbesound. Und genau dadurch entsteht Klarheit.
Menschen erinnern sich nicht an Inhalte, die sie verstanden haben. Sie erinnern sich an Momente, die sie gespürt haben.
Was du daraus mitnehmen kannst
Bevor du jetzt losläufst und ein Drehbuch schreibst, hier ein paar ehrliche Punkte:
- Nicht jedes Projekt braucht das. Ein Produktfilm oder ein Erklärvideo darf erklären. Das hier ist die Antwort auf eine bestimmte Aufgabe, kein Rezept für alles.
- Der Anlass trägt das Budget. Messepremiere, Jubiläum, Neupositionierung – wenn es so einen Moment gibt, rechnet sich der Aufwand. Ohne ihn wird es teuer und beliebig.
- Mut kostet Freigabezeit. Ein Konzept, das emotionalisiert statt erklärt, muss auch intern durchgesetzt werden. Plane die Abstimmungsschleifen ein, nicht nur die Drehtage.
- Plan die Zweitverwertung mit. Making-of, Social-Cutdowns, Fotos vom Set. Am selben Tag mitgedreht kostet das einen Bruchteil.
Fazit
Der klassische Imagefilm funktioniert noch. Aber nur unter einer Bedingung: Er darf sich nicht mehr wie einer anfühlen.
Wer weiter auf reine Informationsvermittlung setzt, wird übersehen. Wer anfängt, eine Geschichte zu erzählen, wird wahrgenommen. Das erfordert Mut – und ein Unternehmen, das diesen Mut mitgeht. Danke dafür, liebe IMA Schelling Group. 🎥
Alle entstandenen Filme und weitere Hintergründe findest du auf der Referenzseite zum IMA Schelling Visionsfilm. Wie so eine Produktion in anderer Größenordnung aussieht, zeigen wir am Beispiel von „EWE erklärt".
Und wenn du gerade überlegst, in welchem Rahmen dein eigenes Projekt liegt: Der Colada Calculator gibt dir in zwei Minuten eine Hausnummer. Ohne Geschwätz.
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